Tumor im Rückenmark – Erfahrungsbericht Teil 4

OP – ja oder nein?

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Ein Tumor im Rückenmark – das ist es also! Gibt es was Schlimmeres? Bestimmt, würde ein Außenstehender sagen. Nein, sagen wir als Betroffene. Man sieht eine Welt zusammenbrechen.

Die gute Nachricht: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist der Tumor gutartig. Er muss sich dort über Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte entwickelt haben. Vielleicht ist er sogar angeboren, man spricht von einem Kindertumor, der also schon lange da ist. Wäre er doch nur bloß früher entdeckt worden … Aber es hilft nichts, dass er wohl gutartig ist, ist ja immerhin auch etwas.

Die schlechte Nachricht: Wenn er weiterhin wächst, führt das früher oder später unweigerlich zur Querschnittslähmung. Irgendwann ist das Rückenmark komplett abgeschnürt und das Gehirn kann keine Signale mehr z.B. an die Beine senden. Eine operative Entfernung des Tumors ist damit quasi unausweichlich. Zwar weiß niemand, wie langsam der Tumor wächst und vielleicht dauert es noch Jahre, bis es zur kompletten Lähmung kommt, aber es gibt eben einen Zeitpunkt, an dem nicht mehr operiert werden kann. Mit jedem Tag, an dem der Tumor Nahrung bekommt und wachsen kann, steigt das Risiko, bei einer OP mehr zu zerstören als zu retten. Und irgendwann wird eben nicht mehr operiert. Da die Symptome schon jetzt immer stärker werden, liegt die Vermutung nahe, dass es doch eher kürzer als länger dauert, bis dieser Zeitpunkt erreicht ist.

Doch da gibt es eine weitere schlechte Nachricht: Da das Rückenmark bekanntlich sehr sensibel und durch den Tumor – den Fremdkörper – ohnehin schon gereizt ist, besteht ein hohes Risiko, dass während der OP etwas beschädigt wird, was unter Umständen eine sofortige Querschnittslähmung zur Folge hätte. Dazu kommt, dass es alles andere als einfach ist, an den Tumor heranzukommen. Einzelne Wirbel müssen dafür „aufgemeißelt“ werden, die Fortsätze werden dabei „abgesägt“ (und später natürlich wieder aufgesetzt); vorher müssen das dortige Gewebe und Muskeln beiseitegeschoben werden. Durch die Wirbelsäule geht es dann ins Rückenmark. Das muss aufgeschnitten werden, und durch diesen Schnitt bekommt man erst Zugang zum Tumor. Dieser Schnitt ist unausweichlich und hier wird auf jeden Fall etwas „zerschnitten“, hoffentlich die etwas „unwichtigeren“ Nerven. Man hat also nur sehr wenig Platz zum Arbeiten, das ganze wird auch unter dem Mikroskop gemacht, wie ich das verstanden habe. Die Ärztin meinte, da sind selbst die meisten OPs am Gehirn einfacher, weil man wesentlich mehr Platz hat.

Also gilt es abzuwiegen. Ohne OP weiterleben und hoffen, dass es noch möglichst viele Jahre bis zur Lähmung dauert und dann ab in den Rollstuhl? Oder eine OP riskieren, die schlimmstenfalls den sofortigen Rollstuhl zur Folge hat? Die aber – wenn alles gut geht – auch Besserung verspricht oder auf jeden Fall zumindest den jetzigen Zustand hält und alles nicht noch schlimmer wird – womit man ja auch leben könnte?

Auch wenn man hier sicher lange darüber nachdenken und alle Fürs und Widers diskutieren könnte, ist für meine Frau schon auf der Heimfahrt klar:

Mit dem Wissen, eine tickende Zeitbombe in sich zu tragen, die jeden Moment loszugehen droht, kann und will sie nicht leben.

Das ständigen Hören auf den Körper, ob vielleicht schon Verschlechterungen auftreten, machen einen auf Dauer sicherlich verrückt. Für sie steht sofort fest, dass sie die OP riskieren will, alles andere ist keine Option.

Ich hatte gehofft, dass sie das sagt, denn ich sehe das ähnlich.

Der kommende Teil handelt von der Suche nach einer geeigneten Klinik und warum das in der Nähe liegende Klinikum Minden nicht unsere Wahl war.

2017-12-13T15:52:52+00:00 9. April 2016|2 Kommentare